Textauzüge aus
Ingeborg Steinborn: Ich ließ mich nicht einschüchtern.
Ich war also in der Landhilfe und 16 Jahre alt. Eines Sonnabends ging ich mit meiner Freundin zum Tanz auf den Charlottenhof. An unserem Tisch war noch Platz, zwei Männer traten heran und fragten, ob sie sich setzen könnten. „Ja”, sagte meine Freundin. Ich kuckte sie an, dann ging ich mit ihr tanzen und fragte: „Warum hast du denn gesagt, dass sie sich zu uns setzen können?” – „Warum denn nicht?” – „Mensch”, sagte ich, „so alte Knacker, wat solln wir denn damit?” Einer der beiden „alten Knacker” – er war damals 24 Jahre alt! – hieß Paul und wurde später mein Mann. Wir haben so oft darüber gelacht. Die Geschichte, die ich über unser Kennenlernen geschrieben habe, heißt demzufolge auch „Der alte Knacker”.
Ganz unbewusst entwickelte sich bei uns beiden praktisch ein 2-Jahres-Plan: 1938 lernten wir uns kennen, 1940 haben wir uns verlobt, 1942 geheiratet, 1944 wurde meine Tochter geboren und 1946 mein Sohn.
An den Einzug der Russen kann ich mich noch gut erinnern. Vom Nachbargrundstück aus konnten wir mit dem Feldstecher beobachten, wie die ersten sowjetischen Truppen mit ihren Panjewagen den Havelländer Weg entlang kamen. Oh Gott, hatten wir Angst! Mein Vater war kurz vorher noch mit dem Fahrrad – meine Mutter konnte nicht Rad fahren, die hatte er in den Anhänger gesetzt – zum Schlächter gefahren, um für die restlichen Lebensmittelkarten noch Fleisch zu holen, damit wir etwas zu essen haben. Meine Schwester und ich sind zur Nachbarin rüber, die hatten einen festen Keller. Wir saßen darin, hörten die Russen mit ihrem Geschrei und wie sie über Zäune sprangen. Zum Glück kamen sie nicht zu uns. Dann wurde es wieder ruhig; meine Eltern kamen zurück, Gott sei Dank heil, alles war gut gegangen.
Es war um die Mittagszeit. Wir wollten zum Bäcker, Brot holen. Wir überlegten: Trauen wir uns raus oder nicht? Ja, wir wagen es. Mit der Nachbarin – sie war schon eine ältere Frau und wir beide ja noch so jung – liefen wir die Chaussee herunter, an der Gabelung vorbei zum Bäcker. Der existiert übrigens heute noch. Wir holten das Brot und machten uns auf den Rückweg. Russen überholten uns, aber im Chausseegraben konnten wir uns gut verbergen. An der Gabelung jedoch mussten wir ein Stück über die Straße gehen. Auf einmal sprang ein Russe aus dem Graben! Wir erschraken, aber er stand da und lachte! Er wollte uns nur einen Schrecken einjagen. Dieses Erlebnis kann man in der Geschichte „Das erste Brot” nochmal ausführlich nachlesen. Das waren die Ersten, die Kämpfer, die Vorhut, die hatten gar keine Zeit, irgendwelche Sachen zu machen – die ja später dann auch passiert sind –, sie waren wirklich nur darauf aus zu kämpfen und vorwärts zu kommen. Na gut, sie haben ihren Ulk mit uns gemacht. Einmal verteilten sie aus unserem Lebensmittelladen alles, was drin war, einfach so, ohne Marken – wer zufällig da war, kriegte etwas, wer nicht, hatte Pech. Man hörte aber auch, dass hier und da ein Mann erschossen wurde, weil er sich dazwischen gestellt hatte, als sie seine Frau haben wollten. Es stimmt auch, dass Frauen vergewaltigt wurden. Die eine oder andere kannte ich, das ging so von Mund zu Mund in der Nachbarschaft.
Der 13. August 1961 war ein Sonnabend. Ingrid, die als Frisörlehrling in Falkensee arbeitete, kam abends zu uns nach Hause und sagte: „Stellt euch mal vor, wir können nicht mehr nach Berlin fahren. Ist alles gesperrt. Die Bahn, nichts fährt mehr.” Wir wollten es nicht glauben. Mein Mann arbeitete doch dort, er musste am Montag wieder zur Arbeit. Nach zwölf Jahren bei Siemens war mein Mann nun von einer Sekunde auf die andere arbeitslos geworden.
Meine Nichte, sie war damals 12 Jahre alt, war gerade über die Ferien bei uns. Gott sei Dank hatte ich sie polizeilich angemeldet. Sonst hätte ich Schwierigkeiten gehabt, sie wieder zu ihren Eltern nach Westberlin zu bringen. Sie war natürlich sehr aufgeregt, hat geweint: „Jetzt komm ich nicht mehr zu meiner Mutti!” Ich sagte: „Du kommst hin.” Ich ging zur Volkspolizei, machte ihnen das alles klar und musste dann mit ihr zum Bahnhof Friedrichstraße. Ich durfte nicht mit ihr kommen, um sie in den Zug zu setzen, sondern sie wurde von der Volkspolizei übernommen, nach oben auf ihren Bahnsteig gebracht und in die S-Bahn zum Bahnhof Savignyplatz gesetzt, wo sie ihre Mutti wiedersah.
Die Familie, mit der ich ja so verbunden war – sie konnten nicht mehr kommen, wir konnten nicht mehr kommen. Wenn ein Geburtstag war, stellte ich mir vor, wie sie alle zusammen feierten – und ich war nicht dabei! Und ich konnte niemanden zu meinem Geburtstag, zu den Kindergeburtstagen, zu unseren Festlichkeiten einladen. Es war eine ganz furchtbare Zeit. Ich war dermaßen fertig mit den Nerven, dass ich die sogenannte Mauerkrankheit bekam: Nervosität, Unzufriedenheit, Kopfschmerzen, sozusagen eine Art Depression. Das war keine offizielle Bezeichnung, aber man nannte es so, weil durch die radikale Teilung bei vielen Leuten diese Symptomatik auftrat. Eine Zeit lang war ich ganz schön unten. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier; man hat es schließlich überwunden, was blieb einem anderes übrig? Gott sei Dank hatte ich ja meinen Mann und meine Kinder.
Mitte oder Ende der 50er Jahre kamen im Westen schon die Fernseher auf, bei uns erst in den 60ern, und es war auch nicht so einfach, einen zu bekommen. Wir hatten eine nette Bekanntschaft mit unserem Schornsteinfeger. Wir trafen uns ab und zu bei ihm; die Männer spielten Skat, und die Frauen saßen so zusammen, und auf einmal hatte der einen Fernseher. Wo sie den herhatten, weiß ich nicht. Von da ab saßen wir Frauen immer, während die Männer Skat spielten, bei Gerda, der Schornsteinfegerfrau, und kuckten fern. Das war doch interessant! Später hat man sich dann daran gewöhnt.
Auch an die Zeit ohne Kühlschrank kann ich mich gut erinnern. Wir hatten ja den großen Garten, da wurde alles eingeweckt, was nur einzuwecken ging. Da wurden Gurken eingelegt, Sauerkraut gestampft, Obst eingekocht – die alte Garde hat noch was geschafft! In einem Jahr hatten wir mal 80 Liter Obstwein: von Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Äpfeln. In der DDR gab es ja nicht so viel, da musste man sehen, dass man immer einen Vorrat hatte. Wir ließen nichts verkommen. Unser Keller war voll mit Einmachgläsern und allem Drum und Dran. Unsere Kinder schwärmen noch heute: „Mutter, deine Gurken haben so gut geschmeckt, dein Sauerkraut.”
Bis die Waschmaschinen aufkamen, wurde die Wäsche auf einem Waschbrett geschrubbt, in einem großen Topf gekocht, in der Badewanne gespült – es war eine Heidenarbeit. 1963 kriegten wir – um sieben Ecken, die gab es ja noch nicht so einfach im Laden zu kaufen – unsere erste Waschmaschine. Das war so ein Ding, da musste man das Wasser von Hand einfüllen und ablassen, die Schleuder war extra, aber man brauchte wenigstens nicht mehr zu schrubben. Später kamen dann die richtigen Waschmaschinen – Knopf an, Knopf aus –, aber das hat mein Mann schon nicht mehr erlebt. Mein Mann war ja Elektriker, da war das mit der Technik im Haus nie ein Problem.
Dazwischen aber lag der 9. November 89. An diesen Tag kann ich mich gut erinnern. Meine Freundin Ilse rief mitten in der Nacht an: „Inge, Inge, mach mal das Fernsehen an!” – „Jetzt mitten in der Nacht?” – „Mach mal an, mach mal an, die Mauer ist gefallen! Die Leute, die stürmen ja rüber wie verrückt.” – „Das kann ja wohl nicht möglich sein.” Und dann wurde mir das im Fernsehen bestätigt. Ich wusste nicht, keiner wusste, was los war. Ich hatte gerade einen Antrag in der Tasche, wollte meine Kinder besuchen. Mein Schwiegersohn sollte mich am Grenzübergang Heerstraße mit dem Auto abholen; es war alles verabredet, telefonieren konnten wir ja. Frühmorgens klingelt nochmal das Telefon – mein Enkel Wernher: „Oma, kann ich dich besuchen kommen? Ich bin hier am Grenzübergang Bornholmer Straße.” Und dann kam er; es war so aufregend, ich weiß gar nicht, was wir alles erzählt haben. Dann rief mein Schwiegersohn an: „Mutti, du brauchst nicht zu kommen, ich hol dich mit’m Auto ab.” Er erzählte dann, wie er mit seinem Škoda durch die Grenze gefahren ist. Keine Kontrolle, kein Passierschein, kein Umtausch mehr. Seitdem sind wir alle wieder sehr schön zusammen.
Ich sage, was ich zu sagen habe und stehe auch dazu. Das ist meine Einstellung zum Leben und – ja, damit bin ich auch angeeckt. Mir haben manche schon was übel genommen. Meinen Freundschaften sage ich immer: „Menschenskinder, ihr kennt mich doch. Nehmt mich, wie ich bin, oder lasst es bleiben.” Im Großen und Ganzen bin ich hilfsbereit; wenn einer Hilfe braucht, bin ich gern bereit zu helfen, aber eins lass ich nicht zu: mich auszunutzen. Da weiß ich, wo die Grenze ist.
Ich denke, ich habe mein Leben ganz schön in den Griff gekriegt. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Und wenn man ein zufriedener Mensch ist, lebt man auch glücklicher. Zu meinem Bekannten sage ich ab und zu: „Weißt du, stell dich mal vor den Spiegel. Und sage: ‚Ich bin ich.’ Sei mit dir zufrieden! Erkenne dich an, wie du bist, wie du aussiehst! Urteile nicht danach, was andere über dich reden! Akzeptiere dich selber, dann bist du ein zufriedener Mensch.”